Kameraarbeit
Das Banyan Projekt an der Pablo Picasso Schule
1. Der Auftrag
Kinder-Machen-Kunst-mit-Medien lud mich im November 2003 zur Entwicklung eines Kunstprojektes an der Pablo Picasso Schule in Berlin Weissensee ein.
Die Themen:
Wie können ästhetisches Lernen und kulturelle Bildung von Kindern im Grundschulalter gefördert werden?
Welche Potenziale liegen dabei in der Nutzung neuer Medien? Welche Formen der Unterrichtsorganisation unterstützen eine individualisierte Förderung, sodass insbesondere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf davon profitieren? Welche Potenziale liegen in der zusammenarbeit von schule und außenschulischen Partner? Wie kann es gelingen, dass Kinder ihre individuellen potenziale in den Unterricht einbringen und entwickeln können? Einbeziehung von ästhetischer Erfahrung als Lernprinzip in den Unterricht aller Fächer. Erforschung neuer technologischer Möglichkeiten für ästhetische Bildung.

Ich wurde gebeten, ein Konzept zu entwickeln, dass ein bereits angefangenes Projekt integriert und weiterentwickelt: Das Fusing Projekt. Flache Gegenstände und Bilder werden in transparentem Kunststoff eingeschmolzen. Daraus sollten Elemente für die Gestaltung der Schule entstehen. Insbesondere der "Snoozleraum", eine Art Meditationsraum sollte damit gestaltet werden. Kinder-Machen-Kunst-mit-Medien formulierte den Autrag, das Fusing Projekt in eine dem Forschungsauftrag entsprechende Richtung zu lenken.

2. Das Fusing-Projekt: Eiskalt - Glasklar
Fusing: Schmelzen, einschmelzen
Glas findet heutzutage seinen Einsatz in der Fotografie, Mikroskopie etc. in allen technischen Setups der Visualisierung. Eis wird eingesetzt zur Konservierung von organischen Stoffen, von Lebensmitteln usw.
Das Glasschmelzen ist seit ca. 5000 Jahren bekannt. Davor gab es als transparente Bild- oder Objektträger nur Bernstein und Eis. Noch heute werden in den traditionellen Iglus der Eskimos Eisfenster verwendet.
Das Projekt versucht anhand des kreativen Einsatzes von Kameras, Computer und Internet, aber auch mithilfe traditionell handwerklicher Arbeiten eine Auseinandersetzung der Schüler anzuregen zu dem Themen:
Bildraum - Raumbild
2D - 3D
Bildträger - Bedeutungsraum
Reproduktion - Dokumentation - Konservierung?
Endprodukt ist eine von allen Teilnehmern erstellte Themen-Ausstellung.
Experimente mit Eisbildern, mit eingefrorenen Objekten
Experimente mit Hilfe der Fusingtechnik entstandener Glasbilder, mit in Glasplatten eingeschmolzener Objekte
Erkundung unterschiedlicher 2D und 3D Fotografieverfahren, Stereoskopie, Holografie etc. dazu: Besuch des Museums für Fototechnik und Besuch des Imax 3D-Kinos. Die Eiszeit heute - Die Welt der Eskimos dazu: Besuch des Ethnologischen Museums in Dahlem und Einladung einer Märchenerzählerin / Sozialarbeiterin aus Grönland.
Für alle Erforschungsbereiche wird das Internet benutzt, zur Information, zum Archivieren von Bild- und Text-Materialien und zur Kontaktaufnahme mit nicht vor Ort verfügbaren Spezialisten, zB. Eskimos.
Für die Realisiation der Ausstellung wird mit Kamera und Computer gearbeitet, mit Bildverarbeitungsprogrammen, Zeichentools etc, und auch mit einfachen 3D-Programmen zur Erstellung von 3D-Modellen. Die Realisation der Ausstellung soll zugleich auch eine historische Auseinandersetzung mit dem Bedeutungsraum Ausstellung sein: Thema Wunderkammer.

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3. Das Banyan Projekt
Im Dezember 2003 erhielt ich eine Einladung, ein älteres Filmprojekt auf einem Dokumentarfilm Festival in Tahiti / Französisch Polynesien zu präsentieren. Das Institut für Auslandsbeziehungen übernahm die Flugkosten. Diese Entscheidung war der Startschuss für ein Projekt, dass eigentlich erst Monate später beginnen sollte: Das Banyan Projekt - ein reisendes Festival.
http://www.banyan-project.de
In einem Gespräch mit Markus Schega und Carmen Mörsch von Kinder-Machen-Kunst-mit-Medien entwickelten wir die Idee, das Banyan Projekt zusammen mit der Picasso Schule zu realisieren. Ich machte mich gleich an die Arbeit, ein Konzept dafür zu entwickeln.

Das Banyan Projekt. Im Klassenzimmer wird ein PC mit Drucker und Internet aufgestellt. Jedes Kind kann damit täglich ein Foto oder eine Zeichnung auf einer eigenen Bilder-Homepage veröffentlichen. Bilder von Freunden und Schulklassen auf der anderen Seite der Welt können so angeschaut, kommentiert, ausgetauscht und ausgedruckt werden. Der Übersetzungsroboter Altavista Babelfish wird uns dabei helfen so gut es geht ...
Im Klassenraum ensteht ein Banyan-Baum aus vielen Bildern, aus selbsterstellten und vom Computer ausgedruckten Zeichnungen und Fotos. Jedes einzelne Bild muss etwas darstellen, was wachsen kann, was Wege und Verzweigungen hat, zB ein Ast, ein Arm, eine Leiter, ein Fluss, eine Strasse, den Hals einer Giraffe. Und jedes Bild kann bevölkert werden: von Kindern, Autos, Fischen ... Wie beim Labyrinth Kartenspiel: Die offenen Enden der Wege müssen immer zusammenpassen. Nylonfäden, Möbel, Lampen helfen dem Baum seinen Weg zu finden, zum Fenster, ins Treppenhaus etc. Wir fangen an 2 Bäume zu basteln. Einer wächst von der Schultafel über deas Lehrerpult Richtung Fenster. Einer reist als Setzling mit nach Tahiti und um die ganze Welt. Unterwegs wird er wachsen. von den Bildern all der Kinder der Schulklassen die auf der Reise um die Welt besucht werden.

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4. Optimierung des Banyan Konzeptes,
mit der Lehrerin der Picassoschule, Sabine Scholze
Bei einem Treffen in einem Cafe in der Mitte zwischen Weissensee und Kreuzberg haben Sabine Scholze und ich die Ideen verfeinert:
Jedes Kind richtet sich eine eigene Fotohomepage ein. Dort kann täglich maximal 1 Foto oder 1 Zeichnung veröffentlicht werden. Fotoseiten von Freunden können angegeben werden, und Texte getippt werden.
Fotos von Freunden und Teilnehmer können täglich angeschaut, kommentiert und ausgedruckt werden. Dazu soll im Klassenzimmer ein PC mit Drucker aufgestellt werden, zusätzlich zum Multimediaraum. So ensteht HOFFENTLICH Kontakt zu den Schülern auf der anderen Seite der Welt, dank Altavista Babelfish Übersetzungsmaschine und der Bildersprache der Kinder. Es ist unsere Aufgabe dies zu fördern. ZB. indem wir sie bitten Wünsche oder Handlungsanweisungen zu entwickeln: Könnt ihr bitte Fotos von Blumen schicken, die die man sich hinters Ohr steckt? Im Klassenraum ensteht aus den ausgedruckten und selbsterstellten Zeichnungen und Fotos ein Banyanbaum aus Bildern. Zeichnungen mit Edingstiften und Farben, Fotocollage, inszenierte Fotos.
Sabine Scholze schrieb am 13.1.04 in einer Mail an mich, dass sie jetzt so verblieben sei, dass die Klasse aus den Kursen wegfällt und sie zusätzlich zu den anderen Stunden immer Dienstags die 5./6.Std ausschließlich Zeit für das Projekt habe. Eine Englischlehrerin wolle sich auch noch mit einklinken, falls es bei Übersetzungen für Mails doch mal Probleme gäbe. So habe sie pro Woche zwei Stunden Zeit, um ausführlich für Fragen da zu sein und so bestände dann auch eher die Möglichkeit, an den anderen Tagen so nebenbei die Fotos und Bilder hochzuladen und am Baum weiterzubauen.

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5. Die Picasso Schule
Bei zwei Besuchen am 7. und 15. Januar 2004 stellte ich das Projekt der Schulklasse vor und wir begannen gleich mit der Arbeit.
Projektvorstellung + Kennenlernen. Die Kinder waren sofort sehr dankbar für die Ablenkung aus dem üblichen Trott. Ich berichtete von dem Banyan-Baum, seinen biologischen und kulturellen Apekten. Dazu zeigte ich Fotos und Grafiken zum Wachstum des Baumes. Ein Videoausschnitt einer älteren Arbeit zeigte Kinder aus der Südsee und ihre Reaktionen auf eine Projektion von Videoaufnahmen von ihnen vom Vortag. Es zeigte auch mich selbst in inszenierten Situationen unterwegs auf Südseeinseln und einige Szenen mit für die Kinder sicher verwirrend vielschichtiger Thematik. Es ging mir dabei darum eine Betonung auf die Interdisziplinarität des Vorhabens zu legen und eine Individualisierung der Handlungen der Kinder, eine Aufsplitterung des Klassenverbandes zu kleineren Allianzen, Interessengruppen, zu forcieren.

Parallele Arbeit in Kleingruppen. Ich bat gleich einige Kinder mit einer Videokamera zu filmen, bat andere mit dem Zeichnen zu beginnen und reagierte sehr direkt "naiv" und nicht selektiv auf Zwischenfragen der Kinder. So ein Vorgehen hat auch Kehrseiten. Die Unruhe, die so entsteht mögen manche als dem Lernprozess nicht förderlich erachten. Für mich ist sie eher Indiz für kreative Prozesse. Nun, es wurde nicht besonders laut in dieser Klasse.

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Kameraarbeit. Die Wirkung der kleinen Videokameras mit umdrehbaren Display zum sich selbst Anschauen beim Filmen ist beindruckend. Viele der Kinder hatten diese Kameras zu erstenmal in der Hand, und so vergassen sie den Prozess der Aufzeichnung und waren eher Benutzer eines neuartigen Gerätes zur Selbsterfahrung. Was, so sehe ich aus? Als nächstes folgt die verfremdete Wahrnehmung der Umwelt. Man trägt die Kamera herum und schaut durch den Sucher. Dann erst folgte die Bewusstwerdung der Aufzeichnung: "Darf ich Sie mal was filmen?" Wirklich kreativ wird der Umgang mit der Kamera bei der Realisierung, dass Aufgezeichnetes auch wieder angeschaut werden kann. Sehr schnell wird selbst aufgezeichnetes in Beziehung zu "professionellen" Aufzeichnungen gebracht: Film und Fersehen. Kreativ ist der Prozess der Verarbeitung der Genres professioneller Aufzeichnungen. Talkshow, Reportage, Videoclip, Spielfilm. Technische Wirklichkeit wird mit technischen Hilfsmitteln oder Werkzeugen verarbeiten und angeeignet. Der Rundgang mit der Kamera durch die Räume der Schule wurde zur Aneignung der Schule. Nicht der Picasso Schule sondern DER Schule, in Relation zu Schulen in den Medien.

Fotografieren. Es dauerte einige Zeit, die Kinder von dem Konzept zu überzeugen, inszenierte Bildausschnitte und Abstrahierungen zu fotografieren. Das Verständnis erfolgte über das Spielen mit bereits Aufgezeichnetem: Fotos aus Zeitschriften usw. Leider schafften wir es aus Zeitknappheit nur beispielhaft mit ein paar Bildern, den gesamten Prozess des Fotosmachens, vom Fotografieren bis zum fertigen ausgedruckten Bild umzusetzen. Zu wenigen, wie sich später zeigte. Mit Fotos aus Zeitschriften entstanden einige collageartige Elemente. Halbnackte Körper dienten zum Austesten der Grenzen der Projektleiter. Ich zeige mich gelassen: Da musst du halt einen Teil davon abschneiden, dann ist es ok. Die Lehrer sahen das anders und zensierten, überklebten.

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Malen. Ich weiss nicht was ich malen soll... Der Auftrag: Malt bitte Teile von etwas Lebendigem. Ein Teil von einem Baum, von einem Arm, einer Strasse mit Autos. Ich kann nicht malen. Gut, fangen wir mit Händen an, malt die Umrisse eurer Hände nach... Die Kinder kopierten sich gegenseitig und entwickelten dabei Variationen und Differenzen. Gemaltes soll ausgeschnitten und zusammengeklebt werden, ein irgendwie destruktiver Prozess. Meine schöne Zeichnung zerschneiden, und in ein kollektives Kunstwerk einbringen? Immer wieder wichtig war es, wie ICH mit den entstandenen Dingen umging, die Balance zwischen der Achtung des Einzelnen und dem Mut zur "Zerstörung" ihrer Beiträge zur Transformation in etwas neues.

Internet. Unsicherheit. Internet heisst Hierarchie, die einen haben es und die anderen nicht., wie früher Farbfernsehen. Ein Mädchen hatte die volle Unterstützung durch ihren Vater. Schön zu sehen, wie sie sich gleich in den Gruppenprozess einklinkte. Schien sie doch sonst eher zurückhaltend zu sein. Die Fotolog Webseiten erforderten einige Geduld bei der Anmeldung. Als nichtkommerzielles Projekt kann man es von der Zuverlässigkeit nicht mit AOL Deutschland vergleichen. Anderseits bietet die Seite eine kostenlose Plattform für Menschen aus ALLER Welt Fotos und Meinungen auszutauschen. Und das ohne Pornografie und Geschäftemacher. Leider schafften wir es aufgrund der Kürze der Zeit vor meiner Abreise nicht, eine wirklich funktionierende eigenständige Anwendung der Fotolog Webseiten durch die Kinder zu realisieren. Und während der drei Monate meiner Reise sind leider kaum neue Fotos hinzugekommen, nur das schon erwähnte Mädchen mit dem besonders interessierten Vater machte da eine Ausnahme.
Die Banyan-Project Website stellte ich den Kindern auf dem inzwischen im Klassenzimmer installierten PC vor, auch, wie sie dort direkt Einträge auf der Chatbox machen können. Los mach mal, schreib mal was. Jetzt nicht (weiss nicht was). Und auf diesen Seiten könnt ihr sehen was ich jeden Tag so mache...

Scouts. An der Hunsrückschule bekam ich (oder war es Günther Pohl) die Idee mit den Scouts, das sind so eine Art Teamer beim Sport. Schön was sich da gleich für Prozesse anbahnen, wenn man Hierarchien bildet. Von anfänglicher Skepsis bis zum Stolz. Aber wird das auch nicht zuviel Arbeit, sodass ich dann nachmittags keine Zeit mehr zum Spielen habe?

Abschied. Fragen formulieren. Wünsche und Versprechungen.
Was wünschten die Kinder mir, was gaben sie mir mit auf die Reise? Dass es nicht langweilig wird. Spass. Keinen Absturz. Keine Kanibalen. Dass ich seltene Pflanzen aus dem Urwald finde. Alles Gute. Viele Freunde. Keinen Stress. Glück und Gesundheit. Auch mal eine Verschnaufpause. Genug Schlaf. Dass ich keinen Tag verliere an der Datumsgrenze.Viele Ideen. Dass mir nichts zustösst. Dass ich wiederkomme. Eine hektische Verabschiedung, die viele Fragen offen liess. Fragen die ja auch später per Internet noch beantwortet werden könnten.

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6. Die Hunsrückschule
Zusätzlich entschied ich mich für eine Zusammenarbeit mit der Hunrückschule in Berlin Kreuzberg. Dies erschien mir sinnvoll wegen der Vergleichmöglichkeiten der beiden Schulen mit sehr unterschiedlichem Charakter. Projektvorstellung + Kennenlernen. An der Hunsrückschule sind zwei Klassen am Banyan Projekt interessiert. Eine 5. Klasse mit Günther Pohl und eine 3. Klasse mit Susanne Eichner. Die Präsentation fand gemeinsam statt, wir sassen auf dem Boden, "südseeisch", für die zum grossen Teil islamischen Kinder kein Problem. Es war wesentlich lauter hier und die Anzahl der Fragen pro Minute viel höher als an der Picasso Schule. Auch waren die in den Fragen behandelten wissenschaftlichen Disziplinen vielfältiger. Schön. Ein Vergleich mit der Klasse der Picassoschule stimmte mich nachdenklich.

Parallele Arbeit in Kleingruppen: Sowie die Aufsicht nachliess, wandten die Kids sich IHREN Dingen zu, Computerspielen, Comics tauschen und Saft klauen usw. Gut, diese Kids sind schneller begeisterbar, aber sie verlieren auch schneller wieder das Interesse. Geschwindigkeit ist hier eine echte Qualität, wenn man da mithalten will.
Kameraarbeit: Das Gerät selbst stand zunächst stark im Vordergrund, der Preis, der Funktionsumfang usw. Klassifizierungen spielten hier eine grosse Rolle, auch was meine Person anging. Der Umgang mit der Kamera war agressiver: Wenn das Ding kaputtgeht, kann ich ja nichts dafür. Das Sichselbst-Filmen und dabei sich anschauen war hier ein kollektiverer Prozess als an der Picassoschule. Eher eine gemeinsame Feier.

Fotografieren. Leider haben wir in der Kürze der Zeit keine Fotokamera zum Laufen gebracht. Aber mit Fotos aus Zeitschriften wurde das Prinzip schnell klar.

Malen. Auffällig verliebt waren einige Kinder in ihre Resultate: Nein, das wird nicht zerschnitten, das gehört mir!

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Internet. Die Kinder waren recht vertraut mit dem Computer. Obwohl, einige nur scheinbar. Denn hier wird cool überspielt.

Scouts.
"Das klingt nach Arbeit." "Lieber nicht." "Was, DER soll das machen, DER ist doch viel schlechter als ICH.
"
Abschied. Fragen formulieren. Wünsche und Versprechungen.
Leider keine Zeit mehr dafür. Zurück blieb nur ein Zettelkasten von Eindrücken, Begegnungen, Emotionen. Und die waren durchweg positiv. Ich hatte den Eindruck, als hätten die Kids mich ins Herz geschlossen. Begegnung vor ein paar Wochen auf der Strasse: Hallo Alfred!

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7. Erste Eindrücke und Vergleiche
Beim Betrachten der Videoaufzeichnungen spätestens wurde mir der Unterschied der beiden Schulen klar: Die Schüler der Picasso Schule waren unsicherer und ihre Konflikte lenkten sie eher nach innen, anstatt sie öffentlich auszutragen, zB durch Aggressivität gegen Andere. Die Lehrerin Sabine Scholze sagte mir, sie wolle den Kindern angesichts ihres problematischen Umfeldes einen Schutzraum zu bieten, in dem sie sich entfalten könnten. Dieser Inselgedanke erschien mir problematisch, weil die Kinder so anstatt sich in kollektiven Konfliktprozessen zu entwickeln, bestimmte unausgesprochene Aspekte zugunsten der Harmonie ausklammerten. Eine Vorgehensweise, die ihnen eigentlich schon von zuhause aus bekannt sein müsste: Darüber spricht man nicht, dann gibt es nur Ärger.

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8. Unterwegs
Übertragen der Erfahrungen in Berlin auf Workshops unterwegs. Begegnungen mit Kindern in Schulen fanden in Tahiti und in Bali statt. Diese waren sehr unterschiedlich, von der International High School mit hochmotivierten Jugendlichen aus wohlhabenden Familien, bis hin zu Sonderschulen mit echtem Ghetto Charakter. Die Vorgehensweise, Kleingruppen zu bilden und parallele Dynamiken zu fördern funktionierte ziemlich gut. Und die Reaktion der Lehrer war eigentlich auch ähnlich wie in Berlin, zwischen Ratlosigkeit und kollegialer Begeisterung. In den Workshops verwendeten wir das mitgeführte Material, also Videofilme, Musiken, Malereien, Objekte, künstlerische Beiträge zum Banyan Projekt von Künstlern aus Europa und den bereisten Ländern. Auch das Videomaterial aus den Berliner Schulen und der dort entstandene Ableger des Bilder-Banyanbaumes. Auf der Grundlage dieser Elemente realisierten wir diverse Improvisationen, die per Video festgehalten wurden und Basis der späteren Arbeit in Berlin sein sollten. Der Bilder-Banyanbaum wuchs auf beachtliche Grösse, und es machte immer mehr Spass, die Herkunft der einzelnen Beiträge zu erahnen.

Politics und Techniques. Keine der Schulen hatte direkten Zugang zum Internet, sodass die geplante direkte Kommunikation zwischen den Kindern hier und dort nicht so kurzfristig realisiert werden konnte. Die Schwierigkeiten in der Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen unterwegs hatte ich unterschätzt. Mit seinen strategischen Grenzüberschreitungen mischt sich das Banyan Projekt in Bereiche ein, die eigentlich nicht das übliche Tätigkeitsfeld der Kunst sind. Internationale Kulturpolitik ist ein äusserst sensibeles Feld, dass in komplizierten Konventionen agiert. Aktivitäten müssen von entsprechenden Institutionen koordiniert werden, weil sonst extreme Fehler begangen werden könnten. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, bis hin zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes oder der Vorwurf staatsfeindlicher Propaganda. Die Aktivitäten des Banyan Projektes erscheinen da nur unprofessionell, bizarr und eher unerwünscht. Die persönlichen Begegnungen mit Künstlern, Lehrern und Kindern waren dafür umso erfreulicher. Es entstand ein Netzwerk von Personen mit gemeinsamen Erlebnissen, involviert in gemeinsame Auseinandersetzungen. Die Teilnehmer verfolgen den weiteren Verlauf und wollen auch über die räumliche Distanz am Projekt teilhaben.

Die Website als Monolog. Keine Reaktion aus Berlin. So oft es ging aktualisierte ich die Banyan Website und veröffentlichte meine Berichte von den täglichen Ereignissen. Dabei war es schwierig eine Balance zu halten zwischen einer inhaltlichen Relevanz für die Kinder in Berlin und den erwachsenen Betrachtern / Lesern. Eine Teilung der Seite in zwei Abschnitte, eine für Erwachsene und eine für Kinder erschien mir unangebracht, wo sollten da die Grenzen sein? Ich stellte mir immer den Vermittlungsaufwand von Frau Scholze vor, und flocht so die eine oder andere heikle oder besser relevante Episode in den Bericht ein. Leider erhielt ich keine Reaktionen auf diese Arbeit, weder in der Chatbox noch in Emails. Nur zweimal schrieb Frau Scholze einen Gruss in die Box, leider aber nicht die Kinder. Je länger dieses Schweigen verstrich, desdo eher dachte ich daran wie wichtig es sein würde, mit den Kindern zu arbeiten wenn ich wieder zurück in Berlin bin.

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9. Back in Berlin
Zurück in Berlin war erstmal Funkstille. Sabine Scholze weigerte sich mit mir zu kommunizieren. Markus Schega und Carmen Mörsch waren extrem reserviert. Anstatt mit der Arbeit in der Picasso Schule endlich anfangen zu können war erstmal Schluss.

Emails. Zwei Hilferufe aus Berlin per Email habe ich nicht erhalten. Markus Schega und Sabine Scholze benutzen unglücklicherweise eine alte Emailadresse, die von Werbung so zugemüllt wurde, dass sie unbrauchbar wurde und ich schon im Januar diesen Link von der Banyan Website entfernte. In Berlin konnte ich dann aus über 10000 Werbemails diese beiden Emails herausfischen:
4.3.04 Sabine Scholze an Alfred Banze:
"(Text-Veröffentlichung angefragt) "
31.3.04 Markus Schega an Alfred Banze:
"(Text-Veröffentlichung angefragt) "
Anstatt direkt miteinander zu sprechen blieb mir nun nur die Kommunikation per Email. Ich entwickelte ein detailiertes Konzept mit Zeitplan usw.
24.4. Alfred Banze an Sabine Scholze: "es tut mir sehr leid, dass unsere zusammenarbeit per internet nicht funktioniert hat. ich möchte dir erklären warum, und ich möchte dich nochmals bitten, mit mir kontakt aufzunehmen. spam mails haben meine acounts ständig zugemüllt. deine mail vom 4.3. und einen hilferuf von markus vom 31.3.habe ich erst gestern lesen können. andere mails habe ich garnicht erhalten.
keine der schulen in tahiti hatte internetzugang.die politische situation war schwieriger als angenommen. erfolgreich war der aufbau persönlicher kontakte mit künstlern, lehrern und schulklassen, trotz des blockens aller administrativen einrichtungen. nicht die einladung durch das festival und die präsenz im kulturzentrum war entscheidend für das projekt, sondern das persönliche engagement der künstler dort. diese kontakte können wir jetzt nutzen. in cook islands, fiji, bali und thailand gab es keine echten kooperationspartner, nur ansprechpartner und veranstaltungsorte. das sieht nun völlig anders aus, eine recource, die wir jetzt nutzen können. durch den crash des computers (die technische schnittstelle des projektes!) in bali habe ich mehr als 3 wochen verloren, täglicher kampf mit dem gerät, mit diversen werkstätten und trickbetrügern. das festival in bangkok war sehr unbefriedigend, es fand ohne thailänder statt. das thema: "kidsprof media art" ein reiner witz... ich habe die reise um 16 tage verlängert, weil ein restart nötig war. ich musste erstmal über den weiteren verlauf nachdenken. das hab ich am strand gemacht, ok. dann bin ich zurück nach bangkok und ratchiburi um thailändische künstler und lehrer für das projekt zu gewinnen."
29.4.04 Sabine Scholze an Alfred Banze:
"(Text-Veröffentlichung angefragt)"
6.5.04 Alfred Banze an Sabine Scholze:
"ich kann mir gut vorstellen wie enttäuschend meine nichtpräsenz für euch alle war. ich würde gerne versuchen, noch einen guten abschluss des projektes für die kids der klasse vor den sommerferien zu realisieren. mein plan bei 3 x 2 wochenstunden pro woche + 1 besuch im botanischen garten:
1. woche
sitzen auf bastmatten, kleine bühne, abgedunkelter raum. zusammenkleben der der zwei teile des banyanbaumes. meine präsentation der kunstwerke, fotos, texte etc mit videoprojektor. die kunstwerke liegen alle ausgebreitet vor der klasse. auswahl eines kunstwerkes pro kleingruppe 2 - 3 kids. betrachten der banyanwebsite (per projektor). wo kann man infos zu den künstlern im internet finden. emails an die künstler schreiben, mit fragen.
hausaufgabe: ein bild oder eine bildergeschichte zu dem kunstwerk malen. einen text schreiben: was sehe ich alles in dem kunstwerk
2. woche
arbeit in kleingruppen: im internet nach infos zu den künstlern suchen und eventuell emails lesen und schreiben. bilder oder comics zu dem kunstwerk malen, im computer mit flashmx. überlegen, wie die präsentation ablaufen kann und dazu einen merktext schreiben mit den wichtigsten stichworten: zu dem kunstwerk, dem künstler, seiner heimat.
An einem Nachmittag: besuch im botanischen garten. biologische, kulturelle und religiöse informationen zum banyanbaum. foto/videosession vor banyanbaum: die kleingruppen und "ihre" kunstwerke
hausaufgabe:
proben für die präsentation in der folgenden woche. hausaufgabe für die lehrer (und vor allem für mich, lehrer ist ein witz für die kids): flashmx ergebnisse und fotos auf die website stellen
3. woche
sitzen auf bastmatten und kleine bühne, abgedunkelter raum. präsentation der kids mit videoprojektor + videokamera + fotokamera. südsee essen und musik."
Auf diese Mail kam keine Antwort mehr. Stattdessen ein Anruf von Markus Schega, mit der Bitte auf einen Besuch in der Picasso Schule vorbei zu kommen. "Die Kinder wollen nochmal mit dir reden."

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Wiedersehen an der Hunsrück Schule. Gleich als ich reinkam in die Klasse ein grosses Hallo Alfred! Und tausend Fragen: "Und. Hast du den Banyan Baum gefunden?" Auch eine positive Stimmung bei den Lehrern, wir vereinbaren einen längeren Besuch, bei dem ich einige Bilder von Unterwegs zeige. Dabei präsentiere ich die Website mit Fotos der Schulen unterwegs und vier Videoausschnitte: Eine Aufnahme aus der Taone Schule in Tahiti, bei der die Kinder die Kamera entführen und durch alle Räume der Schule ziehen. Ein Video von Kindern in Tahiti, die in einem Bach schwimmen. Ich berichtete dazu, dass es uns verboten war in dieses verwunschene Tal zu gehen, und erklärte dabei den Begriff des Tabu. Eine Aufnahme aus Bali zeigte, wie Kinder an dem Bilder-Banyanbaum arbeiten, während andere tanzen und Gamelanmusik machen, und sie zeigt einen gemeinsamen Tanz mit dem Bilder-Banyanbaum. Das letzte Video zeigte Kinder in einer Freakshow auf einer Kirmes in Thailand. Eines mit dem Körper einer Blume, eines, dass in einer Muschel lebt usw. Ich erklärte währendessen ihre Lebensumstände. Vier unterschiedliche und teilweise sehr vielschichtige und ambivalente Situationen, bei den ich mich um eine individuelle Meinungsbildung bei den Kindern bemühte. Mit Günther Pohl überlegten wir, ob man die Zusammenarbeit im nächsten Schuljahr im Herbst 2004 nicht fortsetzen könnte.

Tribunal an der Picasso Schule. Ein Stuhlkreis war aufgebaut mit Namenskarten wie bei einer UNO Versammlung. Sehr ordentlich ging nun eine Art Vollstreckung vor sich, bei der alle Anwesenden erklärten, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollten. Man befragte mich, weshalb ich keinen Kontakt zu Kindern in Tahiti hergestellt habe und warum ich keine Emails geschrieben habe. Meine Erklärungen wurden allgemein als schlechte Ausreden erkannt. Die Kinder zeigten keinerlei Neugier gegenüber meinen Erlebnissen und den mitgebrachten Dingen, die sich in einem dicken Rucksack in der Mitte des Kreises befanden. Eine klare emotionale Grundhaltung war von Anfang an aufgelegt und wurde eisern durchgehalten. Ich weiss wirklich nicht, was der Nutzen dieser Veranstaltung war. Wenn sie wirklich auf Wunsch der Kinder stattgefunden hat (was ich bezweifele) so hätte Sabine Scholze doch zumindest versuchen können den Stil des Gespräches aus dieser Eingleisigkeit herauszuführen. Ich hatte mich auf dieses Treffen sehr gut vorbereitet, allerdings mit anderen Schwerpunkten, die hier nicht gefragt waren. Man beschloss, das Banyan Projekt ohne mich weiterzuführen. Man wollte an dem Bilder-Banyanbaum weiterbasteln und an den Fotolog Seiten weiterarbeiten. Dazu versucht Sabine Scholze Kontakte mit Schulklassen in Afrika aufzunehmen.

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10. Abschliessende Betrachtungen
Für mich ist die Unruhe von Kindern ein Indiz für kreative Prozesse. Und ist es nicht die Aufgaben eines ausserschulischen Gastes in solchen Projekten, kreative Unruhe zu stiften, oder andererseits durch eine zeitlich abgesteckte Irritation die bestehende Struktur sogar zu festigen?
Ich versuche nun, die Entscheidung der Picasso Schule, eigenständig an dem Projekt weiterzuarbeiten, als positiv zu werten (auch wenn mir das schwerfällt). Im Sinne der Methapher vom Banyanbaum wächst da nun eine Luftwurzel in die Ferne und bildet einen neuen Teilbaum. Manchmal bewegt sich der Banyanbaum auf diese Weise sogar vorwärts. Ein neuer Teilbaum wird mächtiger, ein älterer stirbt langsam ab. Ob nun ein Banyanbaum als Wirt für einen neuen jungen Banyantrieb dienen kann, und er dann von diesem erwürgt wird, weiss ich nicht. Bei der nächsten Reise des Banyan Projektes werde ich mich danach erkundigen.

Dabei werde ich in einigen Aspekten anders vorgehen bei der zukünftigen Zusammenarbeit mit Schulen: Die gemeinsame Vorbereitungszeit vor Ort in den Schulen war zu kurz für ein derartiges Projekt. Mit Hilfe eines ausserschulischen, mir vertrauten Projektmitarbeiters könnte man vielen Missverständnissen vorbeugen und eine Kontinuität des Zusammenarbeitens mit Künstlern herstellen. Auch in Berlin hat die Kommunikation mit Schulklassen per Internet nicht funktioniert. Es braucht halt doch persönliche Kontakte und gemeinsame Erlebnisse, die Einzelne zu Gruppen verschweissen. Es braucht vor Ort Mittler oder Medien, geeignete Personen, die Medien, zB das Internet als Werkzeug, nicht als Heilsverprechen einsetzen.

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1. Der Auftrag

2. Das Fusing-Projekt: Eiskalt - Glasklar

3. Das Banyan Projekt

4. Optimierung des Banyan Konzeptes

5. Die Pablo Picasso Schule

Parallele Arbeit in Kleingruppen
Kameraarbeit
Fotografieren
Malen
Internet
Scouts
Abschied

6. Die Hunsrückschule

Parallele Arbeit in Kleingruppen
Fotografien
Malen
Internet
Scouts
Abschied

7. Erste Eindrücke und Vergleiche

8. Unterwegs

Politics und Techniques
Die Website als Monolog

9. Back in Berlin

Emails
Wiedersehen an der Hunsrückschule
Das Tribunal an der Picassoschule

10. Abschliessende Betrachtungen